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Interview mit der Buchautorin Frau Dr. Regina Schymiczek

Auf unserer Internetseite finden Sie neben unseren Wasserspeiern aus Stein auch immer wieder Neues zu den Gargoyles und Speier. Heute durfte ich ein Interview mit der Buchautorin Frau Dr. Schymiczek führen. So schauen wir einmal hinter die Kulissen und erfahren auch viel Historisches aus erster Hand.


Sehr geehrte Frau Dr. Schymiczek,
bitte stellen Sie sich unseren Leser einmal kurz vor und erzählen uns was Sie mit Wasserspeiern zu tun haben.


Mein Name ist Regina Schymiczek, ich bin Kunsthistorikerin und Buchautorin und lebe in Essen. Ich habe einige Kinderbücher und - dies ist mein neuestes Werk - einen historischen Roman geschrieben, der im Jahre 1040 in Essen spielt. Als Kunsthistorikerin liegt mein Schwerpunkt auf mittelalterlicher Kunst, insbesondere auf gotischer Skulptur. Mein Spezialgebiet ist die Erforschung von Wasserspeiern; meine Dissertation behandelt die Entwicklung der Wasserspeier am Kölner Dom.

Was fasziniert Sie an Wasserspeiern denn genau und seit wann sind Sie sozusagen" auf den Wasserspeier" gekommen?

Bereits zu einem frühen Zeitpunkt im Studium war mir klar, dass ich mich auf die Gotik konzentrieren würde. Die Kunst- und Architekturkonzepte dieser Zeit fand ich einfach faszinierend. Wenn man sich mit nun mit dieser Zeit beschäftigt, lernt man als Erstes, dass jedes Ornament nicht nur zum Zweck der Dekoration angebracht wurde, sondern einen darüber hinaus gehenden Sinn erfüllen soll. Da stellte sich mir sehr schnell die Frage, welchen Sinn die fratzenhaften Wasserspeier haben sollten - abgesehen davon, dass sie Regenwasser ableiten. Die Antworten, die ich von Professoren und der Fachliteratur bekam, fand ich wenig befriedigend. Da war von der "Freiheit der Steinmetze" die Rede, von Zufall oder mittelalterlichem Humor. Als ich dann ein Semester in New York studierte, stellte ich fest, dass dort nicht nur sehr viele Wolkenkratzer mit Wasserspeiern ausgestattet sind, sondern dass es auch Fachliteratur und sogar Kinderbücher darüber gab - alle mit dem Tenor, dass Wasserspeier eine Schutzfunktion vor bösen Geistern haben. Da war mir klar, dass ich der Sache nachgehen musste. Meine Magisterarbeit, die ich im Jahr darauf schrieb, hatte dann die "gotischen Wasserspeier" als Thema.

Wann wurden die Speier erstmals erwähnt oder tauchten in Aufzeichnungen auf, und vor allem in welchen Ländern?

Die Wasserspeier, wie wir sie heute kennen, stammen aus dem Ursprungsland der Gotik, aus Frankreich. Um 1220 sollen die ersten drachenartigen Speier in Laon an der Kathedrale angebracht worden sein und haben sich von dort aus in einem rasanten Tempo in ganz Europa verbreitet. Wasserspeier an sich sind aber viel älter. Die ältesten bisher gefundenen haben die Form von Löwenköpfen und stammen von einem Ra-Tempel in Ägypten. Sie werden in das Jahr 2500 v.Chr. datiert. Auch in der griechisch-römischen Antike gehörten sie zum Formenkanon des Tempelbaus.  Drachenartige Speier gibt es auch in China (400 n.Chr.). An Tempelanlagen in Mittelamerika kann man ebenfalls welche finden - hier steht die Forschung aber noch ganz am Anfang.


Welche Bedeutung hatten die Wasserpeier im Mittelalter für deren Baumeister oder für die Bauherren? Sie haben ja gerade eine neues Buch zu diesem Thema veröffentlicht.

Die Wasserspeier-Forschung steht vor dem Problem, dass es keine eindeutigen schriftlichen Belege über die Bedeutung der Wasserspeier im Mittelalter gibt. Zur Klärung dieser Frage muss man daher die Motive und ihre Bedeutung in dieser Zeit heranziehen. Dabei merkt man schnell, dass es zwar regionale Vorlieben gibt, doch eine durchgängige Tendenz: Die meisten Wasserspeier stellen Wetterdämonen dar. Die mittelalterlichen Baumeister der Kathedralen hatten als Aufgabenstellung nicht nur, das Himmlische Jerusalem für die Menschen greifbar auf Erden darzustellen, sie mussten das Haus Gottes auch vor bösen Dämonen schützen. Nach gängiger Meinung kann man Dämonen am Besten durch Vorhaltung ihres Spiegelbildes abwehren - daher die vielen unterschiedlichen Wasserspeier. Detaillierte Ausführungen zu diesem spannenden Fragenkomplex finden Sie in meinen Büchern - das letzte dazu ist ein Bildband über die Speier des Mailänder Doms, die dadurch besonders sind, dass sie auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Renaissance entstanden - als die Wasserspeier eigentlich schon "abgeschafft" wurden.

Gibt es in der Geschichte Hinweise, ab welchem Zeitpunkt  Wasserspeier in Deutschland den Weg in den Garten gefunden haben.

Im Allgemeinen kann man sagen, dass das 19. Jahrhundert mit seiner Vorliebe für Mittelalter-Romantik die Geburtsstunde der Garten-Speier ist. Die Barockzeit hatte bereits für fantasievolle Brunnenskulpturen gesorgt, und nun kam man auf die Idee, beschädigte Original-Speier von gotischen Kirchen einfach aufrecht hinzustellen und als Gartenskulpturen zu nutzen. Natürlich wurde diese Mode bald durch neu geschaffene Speier - die jetzt auch eine andere Haltung einnehmen konnten - unterstützt.

 Hatten die Wasserspeier grundsätzlich nur einen praktischen Zweck oder dienten sie auch schon immer als Ornament oder Dekoration?

Bis heute gibt es keinen eindeutigen Nachweis darüber, ob die mittelalterliche Vorstellung des Dämonenschutzes im 19. Jahrhundert in Europa noch im Bewußtsein der Menschen war - der Umgang mit den Speiern in den USA läßt allerdings darauf schließen. Die Wasserspeier kamen im 19. Jahrhundert nach Amerika, zusammen mit dem ganzen Formenkanon der Neugotik. Dort setze man sich intensiv mit der Geschichte der Wasserspeier auseinander. Die Schutzfunktion gehört dort bis heute zum Allgemeinwissen, daher sind Wasserspeier auch als Gartenskulpturen äußerst beliebt. Es gibt sogar Schilder, auf denen zu lesen ist: "This house is protected by gargoyles" - dieses Haus wird von Wasserspeiern beschützt. Der praktische Zweck, das Ableiten des Regenwassers, trat allerding mit der Erfindung des Regenfallrohres im 17. Jahrhundert in den Hintergrund.


Können Sie sich vorstellen, dass auch die deutschen Wasserspeier einmal lebendig werden? Ähnlich so wie die amerikanischen Verwandten,
denen man eine Comicserie und auch einen Kinofilm gewidmet hat.

Ja, das ist schon witzig, dass die "lebendigen" Wasserspeier nur als Re-Import aus den USA wieder bei uns in Deutschland landen. Hierzulande ist leider die Kenntnis über Wasserspeier sehr unterentwickelt, so dass die deutschen Zuschauer die amerikanischen "Gargoyles" kaum unseren heimischen Speiern zuordnen können. Wie meine Bücher zeigen, tue ich alles, um das zu ändern. Die Wasserspeier sind ein solch spannendes kulturelles Erbe, das es nicht verdient hat, in der Versenkung bzw. Unkenntnis zu verschwinden. Gern würde ich auch unseren Speiern zu "Lebendigkeit" verhelfen ...


Können Sie uns etwas über die Recherchearbeit zu Ihren Büchern sagen? Muss man als Autorin für Wasserspeier eigentlich schwindelfrei sein?

Wie bereits erwähnt, hat die Wasserspeierforschung das Problem, dass es wenig Schriftmaterial über die Speier gibt. Ein anderes Problem ist die oft stark eingeschränkte Zugänglichkeit der Objekte. Da Bildmaterial nur in den wenigsten Fällen vorhanden ist und ein Foto auch nicht den Blick auf das Original ersetzen kann, ist es durchaus von Vorteil - wenn nicht gar Vorausssetzung - für die Recherche, wenn man schwindelfrei ist. Gottvertrauen ist auch nicht schlecht, zumal die Sicherung in luftiger Kirchturmhöhe oft nur durch den beherzten Griff eines Steinmetzen in den Hosenbund der Forscherin erfolgt. Einen Original-Speier an seinem Einsatzort berühren zu können, unerwartete Details zu entdecken und dann noch ein brauchbares Foto zu schießen sind aber Entschädigung genug für vergossenen Angstschweiß - ich möchte jedenfalls keine Kirchturm-Klettertour missen!

 

An dieser Stelle recht herzlichen Dank für die Einblicke in Ihre Arbeit und die spannenden Hintergründe. Ich habe nicht gewusst, dass Wasserspeier in den USA so eine Bedeutung im Garten haben. Ich bin mir sicher, dass es in Zukunft noch mehr Fans von Wasserspeiern geben wird. Wir arbeiten gerne mit daran, dass die Speier ihre Bedeutung in “Good old Germany” erlangen können. Zum Schluss darf ich Ihnen noch die Bücher der Autorin empfehlen, für alle diejenigen, die neugierig auf mehr geworden sind. Siehe unten.

Eine Auswahl unserer Wasserspeier aus Stein finden Sie hier.

 

 

 

 

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